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Die Zeiten ändern sich: Microsoft, Google und der Datenschutz

Heute tickerte und twitterte eine ZDNet-Meldung (Tom Espiner, Stefan Beiersmann) um die Welt:   „Microsoft kritisiert Datenschutz in Chrome 3.0“

Amy Barzdukas, General Manager für Internet Explorer und Consumer-Security bei Microsoft, hat auf der RSA-Konferenz in London den Datenschutz von Chrome 3.0 kritisiert. Der Browser sende mit jedem Buchstaben, der in das Suchfeld eingegeben werde, ein Datenpaket an Google.

In einer Rede demonstrierte Barzdukas unter Verwendung des HTTP-Debugging-Proxys „Fiddler„, dass der Internet Explorer 8 bei der Verwendung von Bing keine Daten zurück an Microsoft sendet, während ein Nutzer Daten in das Suchfeld eingibt. Im direkten Vergleich zeigte sie, wie Chrome zusammen mit der Google-Suche nach jeder Eingabe eines Zeichens ein Datenpaket an den Suchanbieter verschickt, auch wenn noch keine Suchanfrage ausgelöst wurde. „Browser-Hersteller müssen beim Datenschutz sorgfältiger sein“, sagte Barzdukas.

Microsoft kritisiert Google – und mit Recht.

Vor nicht allzulanger Zeit waren die Rollen genau umgekehrt verteilt: Microsoft als böser Monopolist, dessen Produkte artig (und heimlich) nach Hause telefonierten; Google dagegen der werbefreie Strahlemann und Heilsbringer der Suchmaschinenwelt.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit ein paar Meilensteine für den Imagewechsel von Microsoft – aus meiner ganz persönlichen Datenschutzberater-Sicht:

  • Microsoft war das erste Unternehmen, das 2002 den BigBrotherAward persönlich entgegennahm – vertreten durch den Datenschutzbeauftragten Sascha Hanke. Den Mumm hatte seitdem nur noch Telekom-DSB Claus Ulmer im vergangenen Jahr.
  • Spätestens seit diesem Zeitpunkt bemühte sich Microsoft um gute Kontakte in die Datenschutzszene, beispielsweise durch Unterstützung und Mitwirkung bei Kongressen und Tagungen wie der DuD.
  • Microsoft gibt Studien zum Thema in Auftrag, Beispiel „Bewusstseinswandel im Internet“ vom Januar 2009
  • 2005 forderte Microsoft ein nationales Datenschutzgesetz für die USA (Was ist eigentlich daraus geworden?)
  • In Deutschland unterzieht sich Microsoft seit 2006 für verschiedene Produkte den Prüfungen zum Schleswig-Holsteinischen Datenschutz-Gütesiegel (ULD).
  • Microsoft verwendet den Begriff „Datenschutz“ in seinen Produkten und Erklärungen überwiegend in korrekter Weise – das ist leider nicht selbstverständlich.

Das ist nicht nur Marketing- und PR-Gebrumm, sondern schlägt sich zunehmend auch in den Produkten wieder. Ich weiß: Natürlich gibt es immer noch gute Gründe gegen Microsoft-Produkte; natürlich gibt es immer wieder neue Lücken und neue Begehrlichkeiten. Aber Microsoft nimmt den Datenschutz seiner Kunden zunehmend wahr und ernst – und fährt gut damit.  Nachmachen, bitte!

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BigBrotherAwards: Schäuble, der 11. September und der 12. Oktober

Wolfgang Schäuble hat bei denBigBrotherawrds 2009 den Preis für sein Lebenswerk und den Publikumspreis bekommen. In der Laudatio geht Dr. Rolf Gössner auf das Attentat gegen Schäuble ein:

Viele Menschen stellen sich die Frage, ob der auffällige Sicherheitsfanatismus des Herrn Schäuble und seine zwanghafte Angst vor einem Kontrollverlust möglicherweise mit dem Attentat zu tun haben könnten, das er 1990 schwer verletzt und mit tragischen Langzeitfolgen überlebte. Die durchaus interessante Frage, ob er nicht nur an den körperlichen Folgen leidet, sondern auch an einer traumatisierten Psyche, die seine Wahrnehmung trübt, ist Thema vieler Diskussionen. Zwar ist bekannt, dass sich eine Posttraumatische Belastungsstörung auf die Fähigkeit auswirken kann, Gefahrensituationen richtig einzuschätzen und angemessen auf sie zu reagieren. Dennoch halten wir eine Psychologisierung der Sicherheitspolitik des Preisträgers für eher problematisch und spekulativ.

Ob traumatisierte Psyche oder nicht – über seinem Leben liegt eine tiefe Tragik. Gerade weil er zu den klügsten politischen Köpfen gehört, äußert sich seine Verbitterung, seine persönliche Betroffenheit nicht plump, sondern subtil und ausdauernd. So gesehen hätte das Vorbeben des 12. Oktober 1990 mit seinen seismischen Langzeitwirkungen den Erdrutsch der Freiheitsrechte nach dem 11. September 2001 begünstigt.

Ich stelle immer wieder fest, dass auch und gerade Politiker persönliche Betroffenheiten thematisieren. Kompetenz durch Betroffenheit? Authentizität durch Betroffenheit? Wer keinen Kredit erhält, interessiert sich plötzlich für Scoring und die SCHUFA. Wer eine Rechnung von den Schmidtleins bekommt, surft sorgfältiger und fordert mehr Transparenz. Wer permanent am Telefon beschwatzt wird, engagiert sich gegen Cold Calls und Rufnummernunterdrückung. Wer nach einem Gesetzesvorstoss gegen unlauteren Adresshandel und ungewollte Werbepost plötzlich übervolle Briefkästen mit Lobbyistenschreiben in seinem Wahlkreisbüro bemerkt, der sollte eigentlich konsequent bleiben – nein, das ist ein schlechtes Beispiel.

Wer von hinten mit dem Revolver angeschossen und schwer getroffen wird, der verdient höchsten Respekt für seine Rückkehr, aber der bleibt nicht nur gezeichnet, sondern auch befangen. Warum muss es ausgerechnet die innere Sicherheit sein, Herr Schäuble?

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BigBrotherAwards: Schäuble, von der Leyen, aber auch Utimaco [Update]

Heute wurde in Bielefeld 10 Jahre BBA „gefeiert“. 10 Jahre, die einen Rückblick wert sind.

Ein Blick auf die Webseite zeigt: Geehrt wurden 2009 vor allem die üblichen Verdächtigen.

Erwähnenswert, weil überraschend, ist Utimaco, die in der Kategorie „Wirtschaft“ für ihre Data Retention Suite mit-„ausgezeichnet“ wurden. Unter Datenschützern geniesst das Unternehmen ansonsten einen ganz guten Ruf wegen seiner Produkte zur Verschlüsselung und Datensicherheit sowie für die eingängigen Webinare und Seminare. Das verträgt sich einfach nicht mit einer „kosteneffizienten und performanten Lösung für Telekommunikationsanbieter zur Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung“ , oder bin ich da zu idealistisch? Erwarte ich zuviel? Hätte man hier nicht NEIN sagen können?

Nebenbei: Utimaco ist schon länger ein typischer Vertreter des „Ich meine Datensicherheit und nenne es Datenschutz“-Phänomens.

Vielleicht kommt der BBA für Sophos-Utimaco zur richtigen Zeit, um das Selbstverständnis und die eigene Produktpalette zu überdenken.

[Update 22.10.2009] Leider hat sich Sophos/Utimaco bis heute noch nicht zu einer Stellungnahme auf der Webseite durchringen können:  http://tinyurl.com/yle5yxe

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